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Im Flugzeug nicht pinkeln können? Was hilft, wenn Paruresis mitfliegt

Bernd Fuchs
29. Sept.
6 Min. Lesezeit
Paruresis im Flugzeug meistern mit dem Übungsbuch-Cover.

Wenn du im Flugzeug nicht pinkeln kannst, kennst du wahrscheinlich das ganze Programm. Am Abend vor dem Flug trinkst du kaum noch etwas. Am Gate lässt du das WC aus, weil zu viel los ist. An Bord sitzt du stundenlang still, rechnest die Zeit bis zur Landung aus und hoffst, dass niemand fragt, warum du keinen Schluck Wasser trinkst. Was von außen wie ein normaler Flug aussieht, ist für dich eine lange Übung im Aushalten.


Ich kenne dieses Programm sehr gut. Fliegen mit Paruresis hieß für mich jahrelang vor allem eines: das Flugzeug-WC um jeden Preis meiden. Kurzstrecken innerhalb Europas waren aushaltbar, solange ich ab dem Vorabend kaum etwas und während der Reise keinen Tropfen trank. Der Stress am Flughafen und am Gate war aber schon so hoch, dass ich auch dort kein WC benutzen konnte. So wurden aus einem Vier-Stunden-Flug acht bis neun Stunden ohne WC.


Warum das Flugzeug-WC eine eigene Herausforderung ist


Paruresis, oft auch „schüchterne Blase“ genannt, bedeutet, dass Urinieren in bestimmten Situationen schwer oder unmöglich wird, vor allem wenn andere Menschen in der Nähe sind oder sein könnten. Zu Hause klappt es meist problemlos. Unterwegs stuft dein Gehirn die Situation unbewusst als Bedrohung ein, und dein Körper reagiert mit Anspannung, Kontrolle und Selbstbeobachtung. Warum das so ist und wie sich das Muster über Jahre hält, habe ich im Beitrag „Was ist Paruresis?“ ausführlich beschrieben.


Im Flugzeug kommt fast alles zusammen, was ein WC schwierig macht. Wenige Toiletten für sehr viele Menschen. Vielleicht wartet jemand direkt vor der Tür. Aufstehen heißt, an deinen Sitznachbar:innen vorbei, während es sich anfühlt, als würde die ganze Kabine zuschauen. Die Kabine ist winzig, der Riegel schwer zu finden, die Spülung laut. Und anders als im Restaurant oder im Büro kannst du nicht einfach gehen und es woanders versuchen. Du bist die nächsten Stunden in der Luft.


Was dabei oft untergeht: Manches spielt dir sogar in die Hände. Ein Flugzeug ist laut. Triebwerke, Durchsagen und Service übertönen fast alle Geräusche, deshalb sind sie viel weniger wichtig als auf einem stillen WC am Boden. Und die Menschen um dich herum sind mit ihrem Film, ihrem Buch, ihrem Schlaf oder ihrer eigenen Flugangst beschäftigt. Du bist viel weniger sichtbar, als dein Angstkopf behauptet.


Was die meisten machen, und warum es nach hinten losgeht


Mit Paruresis hast du dir wahrscheinlich Strategien zurechtgelegt, um Flüge ohne WC zu überstehen. Stundenlang nichts trinken, oft schon ab dem Vorabend. Bis zur Landung einhalten. Wann immer möglich Zug oder Auto nehmen. Reisen absagen und einen Grund erfinden, der besser klingt als der echte.


Diese Strategien sind verständlich. Sie wirken kurzfristig, und genau deshalb fällt es so schwer, sie loszulassen. Langfristig halten sie das Problem aber stabil. Jeder Flug, den du ohne WC überstehst, bestätigt den Glaubenssatz, dass das Flugzeug-WC unmöglich ist. Jede Reise, die du vermeidest, macht die nächste größer. Irgendwann hören die Erklärungen auf, und Dinge finden einfach nicht mehr statt: Reisen, die nie gebucht werden, Urlaube, die mehr Energie kosten, als sie bringen.


Mein erster Langstreckenflug, sieben Stunden von Frankfurt nach New York, war mit Schmerzen verbunden. Ich bin kein einziges Mal gegangen. Er hat mir aber auch gezeigt, dass ich es aushalten kann und nichts weiter passiert. Ich war stolz, dass ich ihn nicht vermieden habe. Heute weiß ich: Das war der Anfang, nicht die Lösung. Durchhalten ist noch keine Veränderung.


Wenn dir das Einhalten regelmäßig Schmerzen bereitet, du ungewöhnliche Beschwerden hast oder wiederholt gar nicht urinieren kannst, lass das bitte ärztlich abklären. Trotz sehr voller Blase nicht urinieren zu können, kann ein medizinischer Notfall sein.


Meine Erlaubnisliste: die Notizen am Handy


Was sich für mich verändert hat, begann vor dem Flug, im Kopf. Paruresis bringt Gedanken mit, die automatisch auftauchen, sich absolut überzeugend anfühlen und trotzdem nicht unbedingt wahr sind: Jemand stoppt meine Zeit. Ich blockiere das WC. Alle merken, wenn ich zweimal aufstehe. Wenn es jetzt nicht klappt, habe ich den Rest des Flugs ein Problem.


Vor einem Flug habe ich mir Notizen zu genau diesen Gedanken geschrieben. Ich hatte sie am Handy, um sie in der Situation nachlesen zu können und zu sehen: Das sind typische Paru-Gedanken, keine Fakten. Ich habe sie so formuliert, dass sie sich selbstbewusster und gesünder anfühlen. Das sind meine echten Notizen von diesem Flug:


„Ich darf das WC benutzen. Ich darf auch länger brauchen. Falls jemand dringend muss, gibt es andere Toiletten. Ich habe selbst schon oft auf andere gewartet, das ist normal. Menschen gehen aus allen möglichen Gründen aufs Flugzeug-WC: pinkeln, groß, spucken wegen Flugangst, Kontaktlinsen einsetzen, Beine vertreten, sich frisch machen, kurz allein sein. Ich darf das auch. Niemand stoppt meine Zeit. Niemand interessiert sich so sehr dafür, wie mein Angstkopf behauptet. Ich darf so oft gehen, wie ich will. Geräusche sind im Flugzeug weniger wichtig, weil es ohnehin laut ist. Das Personal denkt an seinen Job, nicht an mich.“


Keiner dieser Sätze ist spektakulär. Aufgeschrieben wirken sie selbstverständlich. Aber in dem Moment, in dem du im Gang stehst und die Anspannung steigt, fühlen sie sich überhaupt nicht wahr an. Genau deshalb hilft es, sie vorher in deinen eigenen Worten vor dir zu haben.


Deine eigene Liste schreibst du in drei Schritten. Sammle zuerst die Gedanken, die vor und während eines Flugs typischerweise bei dir auftauchen, wortwörtlich, so wie sie in deinem Kopf klingen. Wähle dann die drei stärksten aus. Schreib zu jedem eine hilfreichere, realistischere Antwort. Diese Antworten müssen sich nicht sofort glaubwürdig anfühlen, sie sind ein Gegenentwurf, kein Versprechen. Speichere sie am Handy, damit du sie beim nächsten Flug griffbereit hast.


Wenn du tiefer einsteigen willst, wie solche Gedanken entstehen und wie du sie Schritt für Schritt hinterfragst: Genau darum geht es in meinem Reflexionsbuch „Paruresis neu denken“.


Dein nächster Flug muss keine Prüfung sein


Die größte Veränderung war für mich kein Trick, sondern ein anderes Ziel. Solange jeder Flug eine Prüfung war, die ich bestehe oder nicht, war der Druck enorm. Und Druck ist genau das, was Loslassen unmöglich macht.


Leichter wird es, wenn ein Flug nicht dann als gelungen gilt, wenn es geklappt hat, sondern wenn du etwas getan hast, das du sonst vermieden hättest. Einmal aufstehen. Zum WC gehen. Die Tür schließen, kurz bleiben, spülen, wieder rausgehen. Jeder dieser Schritte ist Training, auch wenn du dabei nicht urinierst. Dein Nervensystem lernt aus Erfahrung: diese Tür, dieser Gang, diese Geräusche, alles schon erlebt, nichts Gefährliches passiert. Dieses Prinzip gilt nicht nur im Flugzeug. Wie Veränderung bei Paruresis grundsätzlich funktioniert, liest du im Beitrag „Paruresis überwinden: Was wirklich hilft, und was nicht“.


Das heißt auch: Ein Flug, bei dem auf dem WC nichts passiert, ist kein Scheitern. Er ist eine Information, dass diese Situation heute noch zu schwer war. Du passt den nächsten Schritt an und versuchst es wieder, auf diesem Flug oder beim nächsten.


Ein Flug ist planbarer, als er sich anfühlt


Ein Flug fühlt sich an wie eine chaotische, unkontrollierbare Situation. In Wirklichkeit folgt er einem sehr berechenbaren Ablauf. Es gibt Momente, in denen der Gang leer und das WC frei ist, und Momente, in denen der Servicewagen alles blockiert und sich eine Schlange bildet. Es gibt bessere und schlechtere Sitzplätze, wenn du trainieren willst. Und es gibt eine sinnvolle Reihenfolge, in der du dir Schritt für Schritt schwierigere Flüge vornehmen kannst.


Das habe ich mir über Jahre erarbeitet, mit vielen Flügen, vielen Versuchen, bei denen nichts ging, und vielen Notizen. Heute weiß ich, wie Flughafen-WCs aufgebaut sind, wo ich meinen Sitzplatz reserviere und zu welchen Zeiten ich das WC nutze. Ich lasse mich nicht zufällig in eine Situation bringen, die mich stresst, sondern gestalte mir eine Reise, die sich machbar anfühlt. Dieses ganze System steckt in meinem Übungsbuch „Fliegen mit Paruresis“: von der Vorbereitung vor dem Flug über das Training an Bord bis zur Auswertung danach, mit deinem eigenen Flugplan zum Ausfüllen.


Fang mit deinem nächsten Flug an


Du musst nicht nächsten Monat problemlos um die Welt fliegen können. Fang mit deinem nächsten Flug an, wann immer er ist. Schreib deine Erlaubnisliste. Trink ein bisschen mehr als beim letzten Mal. Steh einmal auf, auch wenn du nicht musst. Und wenn es nicht klappt, gehört auch das dazu.


Für mich war die Welt immer zu groß und zu schön, um Paruresis entscheiden zu lassen, wohin ich reise. Fliegen mit Paruresis ist möglich. Nicht, weil die Angst über Nacht verschwindet, sondern weil du dich vorbereiten und mit ihr trainieren kannst.


Dein nächster Flug muss keine Prüfung sein. Er kann Training sein.



Du wünschst dir persönliche Begleitung auf diesem Weg?






Quellen

  • Kuoch, K. L., Meyer, D., Austin, D. W. & Knowles, S. R. (2017). A systematic review of paruresis: Clinical implications and future directions.Start with your next flight



 
 
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